Hundeverhalten verstehen
Hund und Zeit
Immer wieder werde ich gefragt, ob der Hund wirklich kein Zeitgefühl hat. Um das besser zu verstehen, muss man zwischen Zeitgefühl und Zeitbedeutung unterscheiden.
Bevor wir auf den Hund schauen, betrachten wir zunächst das Lebewesen, das wir deutlich besser kennen: uns selbst, den Menschen. Hat der Mensch ein Zeitgefühl? Was ist für den Menschen überhaupt Zeit? Woher kommt die Zeit? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten.
Irgendwann in der Entwicklung des Menschen wurde Zeit als messbare Größe entdeckt. Die ersten Sonnenuhren wurden schon vor sehr langer Zeit genutzt, allerdings war diese Zeitmessung noch grob und für den Alltag nicht so entscheidend wie heute.
Frühe Kulturen teilten Zeit oft nach Monden, Sonnen, Tageslicht und Jahreszeiten ein. Für das damalige Leben reichte diese grobe Einteilung völlig aus.
Erst mit der Seeschifffahrt wurde die genaue Messung von Stunden und Minuten wirklich wichtig, weil sich nur mit genauer Zeitmessung die Position auf den Weltmeeren bestimmen ließ. Heute ist Zeit eine feste, bestimmende Größe in unserem Leben. Wir messen Termine, Zuverlässigkeit, Arbeitszeit, Fahrzeiten und sogar technische Vorgänge in Bruchteilen von Sekunden.
Daraus kann man schließen: Je weiter Wissen und Technik sich entwickelt haben, desto wichtiger wurde für uns die genaue Messung der Zeit. Für unsere frühen Vorfahren hatten dagegen vor allem Tag, Nacht und Jahreszeiten eine praktische Bedeutung.
Welche Bedeutung hat Zeit für den Hund?
Für den Hund hat Zeit nicht dieselbe Bedeutung wie für uns Menschen. Er navigiert nicht über Weltmeere, hat keine Termine, verabredet sich nicht um 15:30 Uhr mit anderen Hunden und kennt unsere Einteilung in Stunden und Minuten nicht.
Trotzdem spielen Tageszeiten, Licht und wiederkehrende Abläufe eine Rolle. Viele Caniden sind an Dämmerungszeiten angepasst, weil sich dann auch Wild bewegt. Morgen, Abend, Tageslicht und Dunkelheit sind also natürliche Orientierungspunkte.
Zeitgefühl beim Menschen
Auch wir Menschen können Zeit ohne Uhr nicht wirklich zuverlässig bestimmen. Jeder kennt das: Fünfzehn Minuten im Wartezimmer können sehr lang wirken, während dieselbe Zeit bei einer angenehmen Tätigkeit sehr schnell vergeht.
Unser Zeitgefühl hängt stark davon ab, was wir tun, wie aufmerksam wir sind und wie viele Denkprozesse ablaufen. Eine unbekannte Strecke mit dem Auto wirkt beim ersten Mal oft länger als der Rückweg, obwohl die Fahrzeit gleich sein kann. Beim zweiten Mal kennen wir vieles bereits und müssen weniger bewusst verarbeiten.
Auch bei starker Vertiefung in eine Tätigkeit kann das Zeitgefühl verschwimmen. In einem sogenannten Flowzustand verlieren Menschen häufig das Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist.
Ohne Hilfsmittel ist es also selbst für Menschen schwierig, Zeit wirklich genau zu bestimmen.
Die innere Uhr ist etwas anderes
Eine innere Uhr gibt es. Sie ist aber nicht dasselbe wie ein bewusstes Zeitgefühl. Biologische Abläufe, Verdauung, Schlaf-Wach-Rhythmus, Hormone und Lichtverhältnisse helfen Mensch und Hund, bestimmte Tagesabschnitte wiederzuerkennen.
Wer jeden Tag zur gleichen Zeit füttert, spazieren geht oder das Haus verlässt, schafft wiederkehrende Muster. Hunde können solche Muster sehr gut lernen. Sie verknüpfen Geräusche, Licht, Gerüche, Bewegungen im Haus, den Postboten, Nachbarn oder andere regelmäßige Abläufe miteinander.
Ändern sich diese Abläufe, kann auch die vermeintliche Zeitkenntnis des Hundes plötzlich nicht mehr funktionieren.
Geruch als Zeitinformation
Ein wichtiger Punkt ist der Geruch. Hunde nehmen ihre Umwelt deutlich stärker über Gerüche wahr als wir. Gerüche bleiben nicht einfach gleich. Sie verteilen sich, verflüchtigen sich, werden schwächer oder verändern sich im Laufe des Tages.
Wenn ein Mensch die Wohnung verlässt, bleiben sein Individualgeruch, Hautschuppen, Körpergerüche und viele weitere Geruchsspuren zurück. Diese Geruchsinformationen verändern sich mit der Zeit. Ein Hund kann solche Veränderungen vermutlich als zusätzliche Orientierung nutzen.
Das bedeutet nicht, dass der Hund denkt: Es ist jetzt 16:00 Uhr. Wahrscheinlicher ist: Bestimmte Geruchszustände, Routinen und Umweltreize treten immer wieder zusammen auf. Der Hund lernt daraus: Wenn es so riecht, wenn das Licht so steht und wenn bestimmte Geräusche auftreten, passiert gleich etwas Bestimmtes.
Fazit
Man kann also sagen: Der Hund hat kein Zeitgefühl im menschlichen Sinne. Er kennt keine Minuten und Stunden. Er kann aber sehr wohl Tagesabläufe, Routinen, biologische Rhythmen, Lichtverhältnisse, Geräusche und Geruchsveränderungen miteinander verknüpfen.
Für den Alltag bedeutet das: Hunde leben nicht nach der Uhr, aber sie lernen sehr genau, welche Abläufe sich wiederholen und welche Reize bestimmte Ereignisse ankündigen.
Jochen Scholz